Aufbruch!

Alles auf Anfang...

 

Wird die Sopranistin Noëmi Nadelmann einmal die Zeit finden, ihre Memoiren zu schreiben, gibt es eigentlich nur diese Option für den Titel: Aufbruch! Untertitel: Alles auf Anfang!

 

Noëmi Nadelmann ist permanent unterwegs, auf der Suche und versucht immer, alles richtig zu machen – sie ist schließlich Schweizerin -, aber sie will es noch besser machen. Die Dinge aufbrechen, ihnen auf den Grund gehen. Mit betörender Gelassenheit macht sie es dann schließlich sehr gut. Und – richtig. Richtig und sehr, sehr gut – urteilen die Kritiker, seit Noëmi Nadelmann die ersten Male vors Publikum tritt.

 

Das ist von Beginn an verliebt in diese wunderschöne Stimme – und zugleich in die Person. Wie könnte es bei einer so charmanten Frau, die so chillaxt, so heutig Grazie verkörpert, auch anders sein?! Aber schon als die Nadelmann noch nicht die Nadelmann ist, macht sie Bewunderung glücklich, doch es reicht ihr nicht. Sie ist eine Gestalterin. Sie setzt ihre Talente, ihre Fähigkeiten, ihre Instinkte von Anfang an ein – für Qualität, für Substanz, für Relevanz.

Bereits die kleine Noëmi inhalliert die Kunst. Mutter Rachel ist Schauspielerin, Vater Leo Pianist sowie hoch angesehener Komponist. Noëmi ist schon eine Künstlerin durch und durch, als sie sich in ihrer Vaterstadt Zürich ins Gesangsstudium stürzt. Doch bald bricht sie auf und aus, schreibt sich an der Indiana University in Bloomington ein. Als sie perfekt das amerikanische Englisch beherrscht und die andere Kultur aufgesogen hat, ist sie wieder bereit für die heimelige, heimatliche Schweiz. Die ist so klug, sie 1986 mit einer frühen Auszeichnung zurück zu locken, nämlich für eine Spielzeit Mitglied des Internationalen Opernstudios am Opernhaus Zürich zu sein. Das hat Weltgeltung.

 

Damit ist der Maßstab gesetzt. Noëmi wird ihn niemals links liegen lassen. Ab jetzt gehört er zu ihrem umfangreichen Gepäck, mit dem sie sich auf den Weg macht zu den Opernbühnen und Konzertpodien dieser Welt, um zu werden, was sie ist und sein könnte!

 

La Nadelmann ist phänomenal. In vieler Hinsicht – sagt der Regisseur und Theaterproduzent Frank Alva Buecheler aus Berlin. Und er muss es wissen: Ich kenne Noëmi seit sageundschreibe fünfundzwanzig Jahren. Da gastierte ich als Regieanfänger in St. Gallen und sie, die blutjunge Sopranistin, mit ihrem umwerfenden, hinreissenden Gershwin-Programm: I got rhythm, I got music... Bald danach durften wir zusammen arbeiten: ganz Luzern stockte im Stadttheater der Atem, als Noëmi in einem riesigen roten, rosenblütenhaft geschnittenen Ballkleid der genialen Kostümbildnerin Hannelore Nennecke die Bühne... nein, nicht: betrat, sondern einnahm. So wie auch im Sturm das Publikum. Damit hatte sie zugleich schon die Hauptrolle ihres Lebens gefunden: Noëmi Nadelmann ist die moderne Diva per se!

 

... und das spätestens seit ihrem Kickoff 1987 als Musetta in Puccinis LA BOHÈME am legendären Teatro La Fenice in Venedig. Da strotzt Noëmi von den fünf Rängen das spätbarocke Gold entgegen – aber es verschlägt ihr keinesfalls die Stimme! Die hat von Anfang an ihr ganz eigenes Timbre, ist elegant und sinnlich, verbindet Herzlichkeit mit Intelligenz. Ja, man hört bei jeden Ton, dass Noëmi Nadelmann weiß, was sie singt, und genau austariert, wie sie es singt – ohne dabei jemals ins Akademische abzudriften.

 

Das findet auch die so genannte Fachwelt schnell. Und ebenso vorschnell befinden einige, Frau Nadelmann verfüge jedoch nur (!) über einen leichten Sopran, nichts für die ganz großen Häuser und schon gar nicht für das schwere Fach. Als sei das leichte leicht!... Ach, Mißverständnissse, Mißgunst und Neid sprießen um die Podien und Bühnen herum, jenen Brettern, die, so sagt man, die Welt bedeuten. Was heisst das für die Welt?

Das fragt sich Noëmi in manchen einsamen Stunden in anonymen Hotelzimmern. Aber Noëmi wäre nicht die Nadelmann, würde sie sich lange ärgern. Dafür hat sie keine Zeit und ist zu helle. Sie macht weiter, immer im Aufbruch. Onward! Upward! Wien, München, Berlin, Amsterdam, Brüssel, Paris, Tel Aviv, immer wieder Zürich.

 

Streng wählt sie ihre Partien aus: viel Mozart - Pamina, Fiodiligi, die FIGARO-Gräfin, Donna Anna, Donna Elvira -, Händels, Alcina und Armida, Donizettis Adina und Maria Stuarda, Micaëla, Kurt Weills Jenny in MAHAGONNY oder die großen Partien der klassischen Operetten und Musicals, allen voran DIE LUSTIGE WITWE Hanna Glawari, Lisa, Rosalinde, die Csárdásfürstin, Gräfin Mariza, Cole Porters Lilli in KISS ME, KATE, Magnolia und Julie in Jerome Kerns SHOW BOAT... um nur einige zu nennen!...

 

The show goes on and on and on. Die Nadelmann singt sich Saison um Saison weiter nach vorne, ihre Ziele klar vor Augen, mal kommen Zufall und Glück dazu. Und immer herrscht Aubruchstimmung. Anfang!

 

Doch wenn andere Kollegen in den Sommern bei Festivals oder Open Airs ein kleines Vermögen einkassieren, macht Noëmi Stimmpause. Entschleunigung, sich Zeit geben – und der Stimme ihren Raum. Nach 25 Jahren Weltkarriere als lyrischer Sopran folgt also der Aufbruch ins neue Stimmfach.

Nun singt die Nadelmann die Leonore aus FIDELIO, Norma oder die Marie in WOZZECK, mit Mimi, Madame Butterfly und Tosca führt sie die charismatischen Frauenfiguren Puccinis ins 21. Jahrhundert oder die Ungeheuerlichkeit der Straussschen Salome über alle Nachvollziehbarkeit hinweg, gibt zugleich den überlebensgroßen Wagner-Frauen – Elsa, Brünnhilde, Elisabeth – Menschlichkeit zurück und erspürt die ebenso bei der armen Aida.

 

Neben Noëmis Opernschaffen steht gleichberechtigt ihr Engagement für Konzert, Lied und Kammermusik, was schon ein flüchtiger Blick auf ihre Repertoirelisten zeigt. Doch ob Opernbühne oder Konzertpodium, die Darstellung, das menschliche Drama zwischen Tragik und Komik ist, was die Nadelmann als Künstlerin durchgängig interessiert und inspiriert. Von manchem entspannten Showauftritt hält sie das nicht ab...

... und so singt die Nadelmann dann auch mal die Nationalhymne im Bundesrat in Bern zur Eröffnung der Saison des Hohen Hauses. Wenn das kein eidgenössischer Ritterschlag ist! kommentiert Weggefährte Buecheler: Natürlich hat Noëmi zum Beispiel den Wolfgang-Amadeus-Mozart-Preis bekommen. Und andere. Und ihre Fans haben ihr mindestens Tausend riesige Blumensträuße geschenkt. Vor allem haben viele, viele musikbegeisterte Menschen Noëmi Nadelmann ihr Herz geschenkt. Aber das hat Noëmi nicht eine Sekunde hochmütig gemacht, wie es Stars oft passiert, sondern dankbar. Und damit bin ich schon bei meiner Begründung, was die Nadelmann zur charismatischen, modernen Diva macht: Sie ist bei allem Erfolg immer ein Mensch geblieben, ja, der Erfolg hat sie noch mehr zum Menschen gemacht, der sein Leben anpackt und für andere da ist. Als ihre Tochter ihr Studium in London aufnahm, hat sie die Studentenbude mit eingerichtet, Matratze und Mikrowelle rangeschleppt... und mir zwischendurch gesmst, wie stolz sie auf ihre Fashion Design Studentin ist! Im nächsten Moment gibt sie wieder Master Classes für internationale Profis oder ist TV-Jurorin der Schweizer Casting Show Music Star. Dann nimmt sie ein Album (Mein blaues Klavier) mit Liedkompositionen ihres Vaters auf – heftiges, tolles Zeug, an das sich so schnell keiner ranwagt...

 

... und dann hat mal wieder der Zufall – der vielleicht keiner ist – für ihr Sängerleben aus dem klingenden Bilderbuch, ein weiteres Kapitel parat: Noëmi steht erstmals vor einem Chor, studiert die Damen und Herren ein, sie sind begeistert – im Nu formieren sich die Nadelmann-Chöre und gastieren in der ganzen Schweiz mit Ihrer Namensgeberin. Die kehrt  dem Publikum nun also den Rücken zu, rasch wird sie zur sehr angesehene Dirigentin – noch ein Aufbruch, ein Neuanfang!

 

Und was kommt als nächstes? Der Nadelmann-Karrierekronzeuge aus Berlin: Noëmis Smartness hat meine tiefe Bewunderung! So klug zu sein, sich nicht vom internationalen Klassikzirkus, von Lables und Agenten verheizen zu lassen, sondern über den Erfolg von heute nach Morgen zu schauen, an sich zu denken und an die künstlerische Mission, beides zu verbinden zu einem Ganzen, das sich zudem mit dem Privaten deckt und eint – eben das nenne ich eine Diva des 21. Jahrhunderts! Und: the best is yet to come. Das gilt mit Sicherheit für Noëmi, die immer noch so jung ist! – Ihre unretouchierten Fotos von Cristiane Roncaglio, die hier auf der Homepage zu sehen sind, zeigen es unübersehbar!

 

Noëmi Nadelmann hat sich den Erfolg erarbeitet. Sie hat auch Glück. Doch ihr größtes Glück ist, dieses Geschenk zu teilen – mit ihrem Publikum! Schon macht sie sich auf neue Wege zu ihm, zu ihren Fans... Immer Aufbruch!

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne... dichtete ein Schweizer in der Schweiz. Dieser Zauber wohnt bei La Nadelmann in Zürich und er umgibt Noëmi überall.

 

Lin Loewenstein

 

Post Script. Doch bei weitem kein Epilog! Oh, nein. Sondern Frühsommer 2014. Noëmi wieder in Berlin. In Proben zu Bernd Alois Zimmermanns Monumentaloper DIE SOLDATEN in der Regie von Calixto Bieito. Ein freier Abend im Cookies Cream. Noëmi strahlend. Jünger denn je. In den Gläsern perlt es, die Gläser klingen. La Nadelmann kann ihre Aufregung kaum verbergen... Selbstverständlich bleibe sie ihrer Heimat und Zürich treu und ihrem geliebten Europa! Und Amerika! Doch künftig werde sie ein Großteil des Jahres in Sidney verbringen... Das hat einen sehr, sehr schönen privaten Anlass. Und künstlerische Gründe. Neue Kontinente gelte es zu erobern! Australien, Asien stärker für ihre Opern, für ihre Lieder zu gewinnen! Noëmi wieder voll auf Anfang - La Nadelmann im Aufbruch... What a character! What a woman! What an artist! Mazel tov!